Akademie der Landschaft / Anthropology of Landscape

        Dr. phil. Kurt Derungs

 



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Landschaftsmythologie
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Begründung und Definition von:

Landschaftsmythologie - das kulturelle Gedächtnis der Landschaft

 

Die Landschaftsmythologie - oder auch Landschaftsethnologie - ist ein faszinierender Bereich der Anthropologie der Landschaft. Sie befasst sich im Rahmen der Kulturanthropologie mit der Vielfalt der Mensch-Natur-Beziehungen sowie mit der kulturgeschichtlichen Naturverbundenheit. Das neue Wissensgebiet kann mit dem Kulturerbe der Landschaft verglichen werden, mit dem es vielfach übereinstimmt.

Doch was bedeuten hier „Landschaft“ und „Mythologie“? Der Begriff Landschaftsmythologie beschreibt das kulturelle Gedächtnis der Landschaft. Und zwar im wörtlichen Sinn von griechisch mythologeo „erzählen“ und in der Bezeichnung „das Erzählen von der Landschaft“ beziehungsweise „das Erzählen der Landschaft“. Hier gibt es also grundsätzlich zwei Aspekte der Landschaft: nämlich einen, indem wir über die Landschaft sprechen, und einen anderen, indem die Landschaft selbst zu uns spricht. Zudem hat jede Landschaft ihr vielfältiges Kulturerbe, d.h. eine besondere Geschichte und Tradition. Daher ist die Landschaftsmythologie auch eine Art „story-telling“, welche die grossen und kleinen „Geschichten“ (story) einer Natur- und Kulturlandschaft in einem interpretativen Prozess zusammenhängend erzählt.

Landschaft wiederum ist ein sehr komplexer Begriff, und je nach Sichtweise hat sie eine andere Bedeutung. Trotzdem lassen sich die kulturwissenschaftlichen Betrachtungen zusammenfassen und eine charakteristische Eigenschaft hervorheben: Landschaft ist mehr als die Summe der Berge, Täler und Flüsse, die uns alltäglich umgeben. Sie hat einen physischen und geistigen Mehrwert, den wir erfahren können. So vergisst man oft, dass sie die heimatliche Lebensgrundlage für unsere Existenz bildet. Zudem erleben wir den mythischen Charakter der Landschaft zum Beispiel an einem stillen Bergsee in einer Atmosphäre von Wasser, Stein und Wind. Oder in einer Lichtung im Wald, wo das Rauschen der Blätter zu hören ist und der helle Ort gleichsam einen heiligen Hain bildet.

Diesen Mehrwert der Landschaft haben frühere Kulturen zweifellos gekannt, wie auch immer er benannt wurde. Wir können dies beispielsweise anhand bestimmter Bräuche feststellen. So fragte man früher einen Baum, ob er gefällt werden will. Oder Menschen schliefen auf Steinen, um geheilt zu werden. Bei Quellen holte die Hebamme das junge Leben, und im Frühling rollte man Eier über Wiesen und Felder. Diese Rituale machen nur Sinn, wenn die Landschaft als ein „persönliches Gegenüber“ betrachtet wurde, mit dem man sich verbinden kann.

Diese Geisteshaltung ist uns in der Moderne gar nicht so fremd, wenn wir beispielsweise körperbezogene Merkmale im sprachlichen Ausdruck auf die Landschaft übertragen. So sprechen wir oft ohne darüber nachzudenken vom Bergkopf, Bergfuss, Flussarm, Bergrücken, Meerbusen, Mutterstein, Rheinknie, Nabelstein oder von der Gletschermilch und der Bauchhöhle. In solchen „anthropomorphen“ Ausdrücken heben wir die künstliche Trennung zwischen Natur und Kultur auf. Ausserdem sind diese sprachlichen Benennungen weitaus mehr als nur Metaphern für natürliche Phänomene. Sie belegen, dass die Landschaft als ein belebtes Wesen aufgefasst wird, so wie es Jahrtausende lang in einer animistischen Naturphilosophie überliefert ist. Dieser Animismus mit seiner beseelten Welt, der mit einer sippenbezogenen Ahnenverehrung einher geht, gilt auch für die erwähnten Naturbräuche, die meistens noch im zyklischen Jahreskreis der Vegetation aufgehoben sind.

Das neue Wissensgebiet Landschaftsmythologie der Akademie der Landschaft hat seine Anfänge in den 1990er Jahren und wurde von Kurt Derungs begründet. Das Ziel war, Grundlagenforschung im Bereich der kulturgeschichtlichen Mensch-Natur-Beziehung zu leisten. Um dies zu bewirken, wurden traditionelle Fachgebiete wie die Ethnologie, Archäologie und Mythologie einbezogen. Diese drei Sachgebiete sind in einem gegenseitigen Wechselspiel miteinander verbunden und durch ihre Interdisziplinarität unmittelbar verknüpft. Jedoch brauchen neue Fragestellungen auch neue Methoden. Die bestehenden Betrachtungsweisen kommen von ihrem Ansatz her oft an ihre Grenzen. Im Projekt wurde daher eine kombinatorische Methode wie hier dargestellt entwickelt, die eine umfassende, geisteswissenschaftliche Betrachtung der komplexen Mensch-Natur-Traditionen erlaubt.


Fachgebiete der Landschaftsmythologie:


© Kurt Derungs


Die moderne Landschaftsmythologie steht ganz klar im Schnittpunkt der bezeichneten Fachgebiete. Sie ist dadurch deutlich umrissen. Ebenso geschieht dies durch ihre Verortung in der Anthropologie der Landschaft, wodurch sie eine kritische Theorie und eine historisch-vergleichende Methode besitzt. Das unterscheidet sie grundsätzlich von anderen Bestrebungen, denn die Landschaftsmythologie hat nicht nur einen universitären Hintergrund, sondern auch einen erkennbaren Rahmen der Interpretation. Ausserdem steht sie in Europa in einer Tradition der Genius-Loci-Forschung. In der Antike bezeichnete dies den Ortsgeist, der jedem Ort und jeder Region innewohnt. Eine gewisse Verwandtschaft des Genius loci besteht mit der „Seele“ eines Ortes oder mit dem „Hausgeist“ vieler Kulturen. Ferner mit dem erwähnten „Mehrwert“ der Landschaft, der die „objektive“ Wahrnehmung von Landschaft übersteigt.

Nebst den drei hauptsächlichen Fachgebieten Archäologie, Ethnologie und Mythologie weist die Landschaftsmythologie wiederum drei miteinander verknüpfte Wissensgebiete auf, die in der Kulturanthropologie bekannt sind: Animismus/Totemismus, Schamanismus und matrifokale Mythologie (Ahninnenkulturen). Zu diesen Wissensgebieten kommen noch drei weitere Interpretationsgebiete hinzu, nämlich die direkte Naturverehrung, die Ahnenverehrung und die sippenbezogene Wiedergeburtsmythologie. In diesem Sinnbezirk lassen sich bereits viele Phänomene der traditionellen Mensch-Natur-Beziehung verständlich erklären.


Ethnologische Wissensgebiete der Landschaftsmythologie:
   

(1) Animismus- und 
Totemismusforschung
 
(2) Matrifokale Mythologie 
und Ahninnenkulturen

Korngestalt in Tirol
     
Ahninfigur mit Pflanze (I)

(3) Schamanismusforschung
 

Nabelstein in Irland sowie übliches Drei-Welten-Bild

 

Somit ist die Landschaftsmythologie oder Landschaftsethnologie ein interdisziplinäres und historisch-kritisches Wissensgebiet, das erkenntnis- und praxisorientiert ist. Sie fördert ein vernetztes, differenziertes Denken sowie eine meinungsbildende Selbstreflexion. Der kulturgeschichtliche Begriff © "Landschaftsmythologie" ist mit den beschriebenen Fach-, Wissens- und Interpretationsgebieten klar definiert und in der Anthropologie der Landschaft verortet. Eine willkürliche Verwendung ausserhalb dieser prinzipiellen Definition benützt den Begriff eigenmächtig und ohne den hier legitimierten Rahmen.

 

Landschaftsmythologische Themen sind in vielfältigen Bereichen einsetzbar:

  • Projekte im Kulturerbe der Landschaft
  • Kultur- und Studienreisen
  • Konzeptionen im Kulturtourismus
  • Themen- und Wanderwege
  • Regionale Kulturen und Produkteförderung
  • Dokumentation, Beratung und Entwicklung
  • Ausstellungen, Tagungen und Kongresse
  • Medien, Museen sowie Aus- und Weiterbildung
  • Archäologie und Tourismus
  • Landart, Gestaltung und Kunst

 

  
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